Wirtschaftsraum Südniedersachsen: Arbeit und Gleichwertigkeit

Ein Gespräch mit dem Operativen Geschäftsführer der Arbeitsagentur Göttingen über Arbeit als ein zentrales Element gleichwertiger Lebensverhältnisse 

In ländlich geprägten Regionen konzentriert sich das Wirtschaft- und Arbeitsleben überwiegend auf die Mittelzentren und noch stärker auf größere Städte in der Region und deren nähere Umgebung; Angebote in Dörfern sind nur in geringem Umfang zu finden. Dies trifft auch für die südniedersächsischen Landkreise Goslar, Göttingen, Holzminden und Northeim zu. Der Mangel an beruflichen Möglichkeiten in ländlichen Regionen ist ein wesentlicher Grund dafür, dass junge Leute ihre Heimatdörfer verlassen und in Städte mit größerem und vielfältigerem Angebot abwandern. Auf der anderen Seite haben es Arbeitgeber an Standorten mit einer sehr ländlichen Umgebung oftmals schwer bei der Suche nach Auszubildenden und Fachkräften, zumal, wenn die verkehrstechnische Anbindung ungünstig ist oder sogar gänzlich fehlt.

Über diese und weitere Themen sprachen wir im Rahmen des Projekts „Gleichwertigkeit – Mehr als eine gute Idee?!“ mit dem Operativen Geschäftsführer der Göttinger Agentur für Arbeit, Herrn Klaus Voelcker, der die Arbeitsvermittlung, Berufsberatung und berufliche Rehabilitation im südniedersächsischen Raum Göttingen und Northeim verantwortet und auch Mitglied des Demografiebeirates des Landkreises Göttingen ist. In dem ausführlichen Gespräch ging es um die Besonderheiten des Wirtschaftsraums Göttingen, um demografische und strukturelle Herausforderungen in Südniedersachsen sowie regionale Entwicklungen des Arbeits- und Ausbildungsmarktes. Zentrale Aspekte, die das Charakteristische des Wirtschaftsraums Südniedersachsen beschreiben, sind in diesem Beitrag stichpunktartig zusammengestellt. Deutlich wird allemal: Bei der Gestaltung von gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land ist die Agentur für Arbeit ein tatkräftiger lokaler Akteur.

  • Eine Besonderheit des Wirtschaftsraums Göttingen sind die zahlreich vorhandenen Krankenhäuser sowie Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen. Nicht nur in der Stadt Göttingen, auch in den mittelgroßen Städten der südniedersächsischen Region sind Krankenhäuser vorhanden. Daneben prägt eine große Zahl von Beschäftigten in gewerblichen Unternehmen den Arbeitsmarkt im Bezirk der Arbeitsagentur.

Abbildung: Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nach Wirtschaftsbereichen (Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal absolut, absteigend sortiert; Ende Dezember 2019)

arbeitsmarkt
  • Hoher Akademisierungsgrad in Göttingen: Die historische Prägung der Region durch die Universität Göttingen manifestiert sich auf verschiedenen Ebenen. Sie ist nicht nur die Ausbildungsstätte für über 30.000 Studierende, sondern auch ein bedeutender Arbeitgeber der Region. Gleiches gilt prinzipiell für die HAWK und die private Fachhochschule Göttingen. Durch den Ausbau von Hochschulstandorten in der Fläche – wie etwa die Universität Vechta oder der HAWK-Standort Holzminden-Höxter – steigt der Akademisierungsgrad zwar auch außerhalb der traditionellen Universitätsstädte. Der zunehmende Trend zum Studium habe aber, so Voelcker, gerade an den großen Universitätsstandorten zur Folge, dass zunehmend junge Leute auf dem dualen Ausbildungsmarkt fehlten. Die sinkende Attraktivität des dualen Ausbildungsmarktes in ländlichen Regionen habe viele Gründe, sei aber neben dem Trend zur Urbanisierung und den damit korrespondierenden Auswirkungen des demografischen Wandels auch auf die zunehmende Studierneigung zurückzuführen.

Die Zahl der Bewerber für Berufsausbildungsstellen im Bezirk der Arbeitsagentur Göttingen sank im Vergleich zum Vorjahr um 13,4%: Während sich im Juni 2019 insgesamt 2.117 Berufsausbildungswillige meldeten, taten dies im Juni 2020 nur noch 1.886 Personen. Zugleich gab es 2.662 Meldungen für Berufsausbildungsstellen, das entspricht einem Minus von 10,0%. Bei der Bewertung der Zahlen sind für das Jahr 2020 allerdings die Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Übergang von G8 auf G9 an den niedersächsischen allgemeinbildenden Gymnasien zu berücksichtigen.

(Quelle: Arbeitsmarktreport, Agentur für Arbeit Göttingen, Juni 2020; eigene Darstellung: https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/goettingen/content/1533722407821) 

  • Pendlerverflechtungen: In der Region Göttingen wohnen 055sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Von ihnen pendeln rund ein Viertel (28.805) zur Arbeit in andere Landkreise (Auspendler). Zugleich pendeln 37.075 Beschäftigte, die in einem anderen Kreis wohnen, zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in die Region Göttingen ein (Einpendler). Göttingen verzeichnet damit ein positives Pendlersaldo von +8.270. Ihren Arbeitsort in der Region Göttingen haben damit 130.325 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, von ihnen sind 28,4% Einpendler.

Während viele Menschen nach der Wende aus den neuen Bundesländern in den Raum Göttingen-Northeim kamen, beobachtet die Arbeitsagentur Göttingen nun zunehmend, dass Pendelnde aus den angrenzenden Regionen (etwa Nordhausen oder Heiligenstadt) wieder Angebote in den neuen Bundesländern wahrnehmen. Zudem zeichne sich laut Voelcker ab, dass der Arbeitsmarkt in einigen Regionen der neuen Bundesländer auch über die großen Standorte wie Leipzig und Dresden hinaus spürbar aufnahmefähiger werde.

In welche und aus welchen Orten bezogen auf Göttingen die häufigsten Pendlerbewegungen stattfinden, zeigt die folgende Tabelle (Pendleratlas der BA 2020, https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistische-Analysen/Interaktive-Visualisierung/Pendleratlas/Pendleratlas-Nav.html)

  • Fachkräftemangel: Insbesondere im Handwerk und in den sozialen Berufen – und hier vor allem in der Pflege – mangelt es im Wirtschaftsraum Göttingen an Fachkräften. Lokale Arbeitgeber, so Voelcker, seien gefordert, um ihre potenziellen Arbeitnehmer aktiv zu werben und auf Ausbildungsinteressierte initiativ zuzugehen, um Arbeitskräfte für die Aufrechterhaltung der Betriebe zu gewinnen. Zuversichtlich stimme, dass diese Auffassung zunehmend auch von den betroffenen Betrieben im ländlichen Raum Südniedersachsens geteilt werde. So entwickelten sich beispielsweise mehr und mehr kleine und mittelgroße Handwerksbetriebe zuVorzeigebetrieben, die über ein gutes Personalmanagement und eine nachhaltige Nachwuchskräftegewinnung auch nach außen eine positive Ausstrahlung generierten und vermutlich nicht zuletzt deswegen über ein gutes Betriebsklima und eine guten Auftragslage berichten können.

Um den ländlichen Raum für Fachkräfte und Auszubildende attraktiver zu machen, empfehle es sich für Arbeitgeber Anreize zu bieten, die „gleichwertige“ bzw. zumutbare Arbeitsbedingungen ermöglichten. So könne hinsichtlich der nicht seltenen Problematik „Mobilität“ etwa im Gastronomie- und Tourismusbereich die Bereitstellung von Unterkünften am Arbeitsort insbesondere für die Auszubildenden im Betrieb hilfreich sein, um – gerade bei Arbeitsverhältnissen mit „geteiltem Dienst“ – lange Pendlerwege bzw. eine schlechte oder ganz fehlende öffentliche Verkehrsanbindungen aufzufangen. Bei Unternehmen, die weit abseits der Verkehrsströme lägen, könnten die Pendelwege zum Arbeitsort zum Beispiel auch über einen Firmenbus unterstützt werden und manche Betriebe beteiligten sich bei Bedarf an den Kosten für einen Führerschein und für die Anschaffung eines Autos. Um möglichen Standortnachteilen in ländlichen Regionen entgegen zu wirken, ist somit zunehmend der Ideenreichtum der Arbeitgeber gefragt.

Wichtig sei auch, so Voelcker weiter, das Angebot an qualifizierten Arbeitsplätze auf dem Land zu erhalten oder sogar auszuweiten. Ein Schritt in diese Richtung könne sein, dass Arbeitgeber bei jeder Organisationsänderung obligatorisch prüften, ob Teile der Organisation in Randgebieten oder strukturschwachen Gebieten angesiedelt werden könnten. Beispielsweise sei vorstellbar und nicht selten bereits umgesetzt, dass das Rechenzentrum einer Bank nicht direkt in der Stadt angesiedelt sein müsse, in der die Bank ihren Sitz hat. Gleiches gelte für Liegenschaften von großen Unternehmen und Behörden, die relativ unabhängig arbeiten und durchaus aufs Land verlagert werden könnten. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass genügend schnelle Internetkapazitäten zur Verfügung ständen und eine adäquate Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr gegeben sei.

  • Die Region Südniedersachsen ist wegen des hohen Anteils an ländlichen Regionen relativ stark von demografischen Effekten Viele Menschen, so der Operative Geschäftsführer der Göttinger Arbeitsagentur, ziehe es wegen eines verlockenden Angebotes an Geschäften und attraktiver Infrastrukturen, so zum Beispiel einer breiten Auswahl an Schulen und Hochschulen, interessanten Arbeitsplätzen und kulturell hochwertigen Wohnumgebungen in die Städte. Besonders prägnant sei dies in der Region Harz zu beobachten: Viele junge Menschen, die von lokalen Arbeitgebern als potenzielle Arbeitskräfte gesucht würden, wanderten ab und bewegten sich in Regionen mit attraktiverem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. In der Folge bluteten ganze Ortschaften aus, Arbeitgeber fänden nur schwer qualifizierte Kräfte – Entwicklungen und dringende Themen, die auch die Arbeitsagentur herausforderten.

Zur Unterstützung der regionalen Daseinsvorsorge und der damit einhergehenden Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse verfügt die Arbeitsagentur über viele verschiedene Förderinstrumente.Diese sind am Bedarf des Arbeitssuchenden und potenziellen Mitarbeiters eines künftigen Arbeitgebers orientiert. Neben einem umfassenden Beratungsangebot für Menschen vor und im Erwerbsleben zahlt die Arbeitsagentur beispielsweise Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, als finanzielle Überbrückung das beitragsfinanzierte Arbeitslosengeld I aus. Hierbei findet ein sozialer Ausgleich dadurch statt, dass das Arbeitslosengeld abhängig vom vorherigen Verdienst und den davon eingezahlten höheren oder niedrigeren Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung bemessen wird.

Hinsichtlich der Ausbildung unterstützen die Arbeitsagenturen durch Beratung – auch in den Schulen im ländlichen Raum, durch Vermittlung in Ausbildung, ausbildungsbegleitende Hilfen sowie durch berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen und die Förderung von außerbetrieblichen Ausbildungsplätzen. Bei der beruflichen Rehabilitation hilft sie unter anderem ebenfalls durch Beratung, Qualifizierungsmaßnahmen, Eingliederungszuschüssen und spezifischen, von Art und Umfang der jeweiligen Beeinträchtigung abhängigen Hilfen. 

Wichtiges Ziel der Arbeitsagenturen ist, ihre Angebote auch für ihre Kundinnen und Kunden im ländlichen Raum gut erreichbar vorzuhalten. So ist die Agentur Göttingen an sieben Standorten in ihrem Bezirk vertreten, so dass direkte Ansprechpartner vor Ort gut erreichbar sind. Zudem hält die Bundesagentur inzwischen zahlreiche digitale Angebote vor, die die Kundinnen und Kunden bequem von zu Hause aus nutzen können. Darüber hinaus ist die Arbeitsagentur in vielen lokalen und überregionalen Netzwerken präsent und sorgt aktiv dafür, dass die spezifischen Bedarfe des ländlichen Raums in der Praxis mitgedacht werden und nicht nur in die eigenen, sondern auch in Planungen und Aktivitäten des jeweiligen Netzwerkes einfließen. Zu den gesetzlich verankerten Leistungen der Arbeitsagentur gehört schließlich die permanente Beobachtung und Analyse des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes auch im ländlichen Raum. Mit ihren umfangreichen Statistiken statistischen Analysen stellt die Arbeitsagentur bezogen auf ihre Aufgaben die jeweilige Lage in der Region als Informationsangebot auch für Externe transparent zur Verfügung.

  • Wagt man eine Prognose über die Entwicklung des Wirtschaftsraums Göttingen – Northeim, sei nach Einschätzung der Arbeitsagentur davon auszugehen, dass die Stadt Göttingen und ihr näheres Umfeld im Jahr 2030 nach wie vor ein gut aufgestellter Wirtschaftsraum sein werden. Große Herausforderungen werde es wohl vermehrt in den Randgebieten geben. Im ländlichen Umland bestünden allerdings große regionale Unterschiede: So gebe es etwa Bereiche, in denen mehrere Mittelzentren verortet sind, oder solche, wo zwischen Haupt- und Mittelzentren ein reger Austausch stattfindet. Um gegen Abwanderung vorzugehen, ständen gerade die Mittelzentren jedoch unter erheblichem Druck, ihre vorhandene Attraktivität bezüglich des Lebens und Arbeitens vor Ort zu erhalten beziehungsweise sich zu attraktiven Standorten zu entwickeln.

Bedeutend schwieriger werde es für die rein ländlich geprägten Räume, für Dörfer „in der Fläche“. Hier seien „unternehmerische Leuchttürme“ sehr wichtig und hilfreich, die exemplarisch demonstrierten, wie Arbeiten und Ausbilden im ländlichen Raum unter gleichwertigen Bedingungen gut funktionieren könne. Der Operative Geschäftsführer der Arbeitsagentur betont das Interesse und die Verantwortung, an diesen Themen mitzuwirken und die Entwicklung des ländlichen Raums in Südniedersachsen als lokaler Akteur aktiv mitzugestalten. Lokale Perspektiven, um ländliche Räume als Wohn- und Wirtschaftsstandorte zu stärken, lägen im Vorhandensein kleiner, engagierter und kreativer Betriebe und sozialer Punkte vor Ort.

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