Coronakrise: Pflege im ländlichen Raum

Der Pflegesektor in Deutschland, der durch Personalnot und prekäre Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet ist, sieht sich durch die Coronakrise in besonderer Weise herausgefordert.

In den Städten wie in der Fläche verschärfen sich im Zuge der Pandemie nun viele Probleme, die bereit vorher bestanden haben. In Niedersachsen müssen Tagespflegeeinrichtungen vorerst bis zum 6. Mai schließen, nur in Ausnahmefällen kann eine Notbetreuung stattfinden. Für viele Seniorinnen und Senioren entfallen damit Anlaufstellen, die im Alltag unterstützen und soziale Kontakte bedeuten. Um diesen Ausfall zu kompensieren, rückt zum Beispiel in Northeim und Osterode der ASB-Kreisverband aus, um Tagesgäste, die medizinische Betreuung benötigen, ambulant zu Hause zu versorgen. Mit dieser Leistung gestaltet sich der Arbeitsalltag ambulanter Pflegedienste derzeit weitaus mühsamer als ohnehin. In ländlichen Räumen, in denen Pflegedienste teils weite Fahrtwege zurücklegen müssen, ist die Zeit, die dem Pflegepersonal pro Pflegebedürftigen zur Verfügung steht, sehr knapp. Vielerorts werden aktuell Unterstützungsleistungen durch die Zivilgesellschaft kompensiert, die solidarisch und engagiert aktiv wird. Als Reaktion auf die pandemische Krisenlage bieten derzeit Freiwillige ihre Unterstützung an, um beispielsweise Einkäufe zu erledigen oder Medikamente zu besorgen.

Ein großes Problem besteht für die Pflegedienstleister der ambulanten und der stationären Pflege zudem im Fehlen von Schutzkleidung, wodurch pflegebedürftige Menschen einem großen Risiko ausgesetzt werden. Vereinzelt grassiert das Virus auch schon in stationären Pflegeeinrichtungen. So sind im Landkreis Göttingen mittlerweile 15 Pflege- und Seniorenheime betroffen. Die niedersächsische Landesregierung hat daher einen Aufnahmestopp für Pflegeheime ausgesprochen. Für infizierte Pflegekräfte muss Ersatz geschaffen werden. Auch hier bieten sich ambulante Dienste an, die die zusätzliche Arbeit auf sich nehmen. Der Landkreis Göttingen hat zudem einen Aufruf gestartet, um examinierte Pflegekräfte für die häusliche und stationäre Pflege zu mobilisieren. Die Zivilgesellschaft unterstützt mit dem Nähen von Mundschützen, Landwirte verschenken ihre Schutzkleidungen, Unternehmen spenden Desinfektionsmittel.

Zum Tragen kommt zudem der seit Jahren beklagte Fachkräftemangel, der sich jedes Jahr weiter zuspitzt. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (iw) kamen in Deutschland 2017 auf 100 offene Stellen 22 arbeitslose Pflegekräfte, bis 2035 könnten bundesweit mindestens 130.000 Pflegekräfte fehlen. Dabei ist hervorzuheben, dass ein großer Teil der pflegebedürftigen Menschen in häuslichen Pflegearrangements lebt. Neben der Familie und unterstützenden ambulanten Diensten sind es vermehrt informelle Pflegekräfte, meist aus dem östlichen EU-Ausland, die oft eine 24-Stunden-Pflege leisten. Einige europäische Staaten schließen derzeit ihre Grenzen, was solchen Pflegekräften die Einreise erschwert. Wenn sie in ihrer Heimat bleiben oder Deutschland aus Sorge um die eigene Gesundheit verlassen, und wenn dann auch die Familien Pflegebedürftiger nicht vor Ort sind oder Freundschafts- und Nachbarschaftsnetze aufgrund der Kontaktbeschränkungen ausfallen, bleibt es eine offene Frage, wer diese informellen Pflegekräfte ersetzen soll. Zumal Alten- und Pflegeheime voll sind. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) geht bundesweit von 100.000 bis 200.000 Pflegebedürftigen aus, die in den kommenden Wochen schrittweise nicht mehr versorgt werden könnten.

Die bekannten Defizite des Pflegesektors erhalten in der Coronakrise neue Aktualität und einen hochrangigen Platz in der öffentlichen Debatte. Zweifellos muss sich nach der Krise einiges ändern: der Ausbau von Pflegeinfrastrukturen, eine bessere Bezahlung des Pflegepersonals, mehr Fachkräfte.

 

Wie schätzen Sie die derzeitige Pflegesituation in ländlichen Räumen ein?
Haben sich im Zuge der Coronakrise neue Herausforderungen für den Pflegesektor ergeben?

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