Mobile Gesprächsrunde in Kirchbrak

Auf seiner Reise durch Südniedersachsen machte das Projekt Station in Kirchbrak (Landkreis Holzminden), um in den Austausch mit Bewohner/innen und Gästen über lokale Lebensverhältnisse zu treten.

Die Veranstaltung in Kirchbrak stand unter dem Motto ERINNERUNG – AUGENBLICK – VISION: Über 30 interessierte Dorfbewohner/innen und externe Gäste kamen am 13. September 2019 für einen Dorfrundgang in Kirchbrak im Landkreis Holzminden zusammen, um über Veränderungen, aktuelle Zustände und mögliche Perspektiven im Ort zu sprechen.

Dass es in Kirchbrak Kneipen, Läden und Ärzte gab, liegt inzwischen einige Jahre zurück. Wie viele Dörfer und Kleinstädte in ganz Deutschland ist auch der knapp 1000 Einwohner zählende Ort Kirchbrak, der ca. 30 Minuten von der Kreisstadt Holzminden entfernt liegt, von strukturellen und demografischen Negativtrends wie Schrumpfung, Alterung und Strukturabbau betroffen. Und dennoch: Kirchbrak ist ein aktives Dorf, das als Wohnort mit einer hohen Lebensqualität wahrgenommen wird.

Am Beispiel von Kirchbrak wurden im Rahmen der Veranstaltung Fragestellungen in den Blick genommen, die bedingt durch den demografischen und strukturellen Wandel viele ländliche Räume betreffen: Was machen kontinuierliche Strukturverluste mit einem Dorf? Wie verändern sich dadurch soziale Alltagsprozesse und das dörfliche Selbstverständnis? Vor welchen Herausforderungen stehen Dörfer und Kleinstädte? Was fehlt und was gilt es zukünftig zu erhalten und neu zu entwickeln?

Das Format einer mobilen Gesprächsrunde beabsichtigte, die Bewohner/innen während eines Spaziergangs durch ihr Dorf über die lokalen Verhältnisse und alltäglichen Herausforderungen berichten und in den gemeinsamen Austausch kommen zu lassen. Als lokale Akteure sind sie Expert/innen für ihren Wohnort, auf deren Einschätzungen und Bedarfe es bei der Gestaltung gleichwertiger Lebensverhältnisse ankommen sollte. Bedeutet Gleichwertigkeit, dass es in jedem Ort dieselben Formen von Infrastrukturen geben muss? In der Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Ortes und den Belangen der Menschen zeichnen sich „Infrastrukturen von Gleichwertigkeit“ ab, die aus Sicht der Bewohner/innen tatsächlich benötigt werden, um Teilhabe und Chancengleichheit zu gewährleisten – diese galt es im Rahmen der Veranstaltung und im Austausch mit den Bewohnern/innen in Kirchbrak zu entdecken.

Anhand der Themenschwerpunkte (Schule, Versorgung, Kirche, Industrie, Vereine), die an den einzelnen Stationen dargestellt und anhand persönlicher Erfahrungen illustriert wurden, wurde ein authentisches Bild der lokalen Verhältnisse sowie der daran ausgerichteten Alltagsarrangements im Dorf vermittelt. In kurzen Gesprächen mit Bewohnern/innen während sowie im Anschluss des Rundgangs, wurde Kirchbrak als ein Wohnort mit hoher Lebensqualität beschrieben, was sich besonders an den Faktoren Natur, Ruhe, Platz und einem kindgerechten Umfeld festmache. Des Weiteren sprachen die Kirchbraker von den alten Zeiten, als man sich in einer der Dorfkneipen traf, sie teilten Erinnerungen an den ehemals ansässigen Zahnarzt und versetzten sich zurück, als Metzger und Bäcker noch um die Ecke lagen. Obwohl diese Erinnerungen vom Verlust und Schwund dörflicher Strukturen (und Identitäten) erzählen, versetzte dies die Gruppe nicht in Wehmut oder gar in Ärger. „Natürlich wäre es toll, mal wieder eine Gaststätte im Dorf zu haben“, doch die fehlenden Versorgungsangebote scheinen die Lebensqualität nicht oder nur geringfügig zu beeinflussen. Unentbehrlich seien hingegen die Grundschule, die Kinder- und Jugendbetreuung, das Vereins- und Gemeindeleben sowie die verbliebene Industrie im Ort und der Umgebung. Zukünftig müssten zudem Lösungen und neue Konzepte im Pflege- und Betreuungsbereich für ältere Menschen entwickelt werden.

Die (öffentliche) Auseinandersetzung mit den Lebenswirklichkeiten in einem ländlich gelegenen Dorf wurde von den Bewohner/innen zum Anlass genommen, sich intensiv mit ihrem Wohnort zu beschäftigen. Die Kirchbraker teilten ihre Erfahrungen, Wahrnehmungen und Anforderungen miteinander sowie mit den Gästen und dem Projektteam, womit sie entlang der Forschungsfragen einen umfangreichen Eindruck von den lokalen Lebensverhältnissen und erlebten Alltagswirklichkeiten im Dorf vermittelten. Das Format der mobilen Gesprächsrunde zielte auf den Wissenstransfer – auf das „voneinander Lernen“ – zwischen Wissenschaft und Praxis bzw. den lokalen Akteuren, was dank der engagierten Beteiligung gelungen ist. Die positiven Rückmeldungen zu der Veranstaltung sowie die interessierte Teilnahme der Bewohner/innen an einem Spaziergang durch ihren eigenen Wohnort bestätigen, dass ein solches (transferwissenschaftliches) „vor-Ort-Format“ die Menschen erreicht.

In Kirchbrak hat sich das Projektkonzept erneut bewährt: „Das SOFI geht aufs Land“, um mit den Menschen zu sprechen, anstatt über sie. Das Projekt beabsichtig, Wertschätzung und Aufmerksamkeit für ländliche Räume zu vermitteln, die medial und in vielen wissenschaftlichen Studien oft primär hinsichtlich ihrer negativen Entwicklungen in den Blick genommen werden.
Kirchbrak ist ein Beispiel für einen Ort mit engagierten Menschen, die aktiv auf demografische und strukturelle Veränderungen reagieren, um gleichwertige Lebensverhältnisse an ihrem Wohnort mitzugestalten.

Was sind aktuelle Themen in Ihrem Wohnort?

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This Post Has One Comment

  1. Solomon

    Meet and Greet: Das SOFI geht aufs Land – Auftaktveranstaltung des Projekts „Gleichwertigkeit – Mehr als eine gute Idee?!“

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